Stolpersteine in Aalen
Am 23.10.21 wurden in Treppach und Wasseralfingen Stolpersteine zum Gedenken an vier Aalener Bürgerinnen und Bürger, die Opfer der nationalsozialistischen Diktatur wurde, verlegt.
Schülerinnen und Schüler der Basiskurse Deutsch der Kursstufe 2 nahmen an dieser Veranstaltung teil und verfassten den folgenden Bericht:
Stolpersteine in Aalen
„Zur oben genannten Angelegenheit erlauben wir uns, Sie hiermit vom Ableben des Ihnen bekannten Trafikanten Herrn Otto Trsnjek in Kenntnis zu setzen. Herr T. ist in der Nacht zum 14. Mai in den Räumlichkeiten der Gestapo-Leitzentrale, Wien 1, Morzinplatz 4, seinem nicht näher zu bestimmenden Herzleiden erlegen. […] Herr T. wurde im April dieses Jahres erkennungsdienstlich erfasst und angeklagt […].“
(Robert Seethaler, „Der Trafikant“, S. 191 Z. 29 – S. 192 Z. 7)
Solche Formulierungen bekommt man öfters zu hören, wenn man Gedenkstätten des Holocausts besucht oder historische Romane, die in der Zeit des Nationalsozialismus spielen, liest. Das oben genannte Zitat stammt aus dem Entwicklungsroman „Der Trafikant“ von Robert Seethaler, welcher im November 2013 zum ersten Mal erschienen ist und gerade Pflichtlektüre der Basiskurse Deutsch der Kursstufe 2 ist. Die Geschichte spielt in Österreich und handelt von dem jungen Franz Huchel, der aufgrund privater Vorkommnisse sein Heimatdorf Nußdorf verlassen muss und nach Wien fährt. Dort soll er bei dem alten Trafikanten Otto Trsnjek als Lehrling arbeiten und bekommt die Anfänge der Annexion Österreichs durch das NS-Regime mit. Anfangs versteht Franz noch nicht, welch düstere Zeiten auf ihn und Wien zukommen werden, doch im Laufe des Romans muss er die Grausamkeiten der Nationalsozialisten am eigenen Leibe erfahren. Zum Zeitpunkt des Zitates, wurde der Trafikant Otto Trsnjek, aufgrund seiner kritischen Einstellung gegenüber dem NS-Regime und dessen Ideologie, abgeführt und bereits wenige Tage später erhielt Franz diesen Brief, in dem es heißt, dass Herr T. an „seinem nicht näher zu bestimmenden Herzleiden“ (S. 192 Z. 2f.) verstorben sei.
82 Jahre nach Kriegsbeginn mag so manchem der Bezug zu dieser Zeit fehlen. Gerade wenn die Handlung sich, wie in diesem Roman, weit weg in Wien abspielt. Oft ist es schwer vorstellbar, dass es den Nationalsozialismus, seine Anhänger aber auch Opfer dieses NS-Regimes in kleinen, idyllischen Dörfern oder Städten, weit weg von der Hauptstadt, gab. Darunter zählen unter anderem Aalen-Treppach und Aalen-Wasseralfingen.
Da viele Verfolgte und Ermordete des Nationalsozialismus aber eben über Jahrzehnte nicht namentlich bekannt beziehungsweise benannt wurden, rief Gunter Demnig in Erinnerung an diese Menschen die Stolpersteininitiative ins Leben. Durch einen „Stolperstein“ werden die Verfolgten und Ermordeten gewürdigt und man versucht sicherzustellen, dass sie nicht in Vergessenheit geraten. Dabei handelt es sich um einen 10 x 10 x 10cm großen Betonquader mit einer Messingplatte als Oberfläche, in der Name, Lebens- und Sterbedaten des Opfers eingraviert sind und der im Bürgersteig vor dem letzten freiwilligen Wohnort dieser Person eingelassen wird. Vor kurzem fand eine solche Stolpersteinverlegung am Samstag 23. Oktober in Treppach und Wasseralfingen statt.
Dabei wurde in Aalen-Treppach mit drei Verlegungen Maria Theresia Angstenberger, Boguslaw Drazek und ihrem gemeinsamen Sohn Günter Angstenberger und in Aalen-Wasseralfingen mit einer an Adam Vogt gedacht.
Maria Theresia Angstenberger wurde vom NS-Regime verfolgt, da sie mit dem polnischen Zwangsarbeiter Boguslaw Drazek eine Beziehung führte und von ihm ein Kind erwartete. Maria Theresia Angstenberger wurde daraufhin in Haft genommen und kam später in das KZ Ravensbrück, in dem sie aufgrund der grausamen Bedingungen innerhalb des KZ’s umkam. Das Schicksal von Boguslaw Drazek ist nicht näher bekannt. Zeitzeugen berichteten, dass er verhaftet und abgeführt wurde. Vermutlich wurde er aufgrund seiner Beziehung und der Schwangerschaft von Maria Theresia Angstenberger ermordet. Der gemeinsame Sohn blieb in der Obhut der St. Anna-Schwestern in Ellwangen, wo er aber nur wenige Monate überlebte. Der Wille ein Kind eines polnischen Vaters großzuziehen, war in der NS-Zeit nicht vorhanden.
Adam Vogt dagegen war Schuhmacher in Wasseralfingen. Er war bekannt dafür, dass er der NS-Diktatur und dessen Ideologie sehr kritisch gegenüberstand. So half er einem befreundeten Schuhmacherpaar aus Schwäbisch Gmünd bei der Flucht ins Ausland und übernahm ihre Reisekosten. Als Dank erhielt er deren Werkzeuge, welche im Keller der Wasseralfinger Schuhmacherei eingelagert wurden. Ebenfalls wurde ihm vorgeworfen ausländische Radiosender zu hören. Dies wurde Adam Vogt und seiner Familie zum Verhängnis. Vogt wurde verhaftet und kam ins KZ. Seine Familie musste miterleben, wie ein Mob der HJ und der SS vor der Schuhmacherei wütete und den Laden plünderten. Nach seiner Zeit im KZ kam Adam Vogt für kurze Zeit in seine Heimat zurück. Jedoch musste er diese schon bald wieder verlassen, da er in die Wehrmacht in ein Baubataillon eingezogen wurde. Sehr untypisch, da Vogt zu den „Weißen Jahrgängen“ gehörte, die aufgrund fehlender militärischer Ausbildung für gewöhnlich nicht eingezogen wurden. Adam Vogt kehrte von der Ostfront nicht mehr zurück.
Wichtig war die Stolpersteinverlegung vor allem als Anerkennung dafür, dass die Menschen in diesen beiden Beispielen wirklich verfolgt und somit Opfer des Nationalsozialismus wurden. Denn erst Jahrzehnte nach Kriegsende wurde den Familien der Opfer zugestanden, dass ihre Familienmitglieder Opfer der NS-Diktatur waren.
Wie man also sehen kann, ist unsere düstere Vergangenheit näher, als uns meistens bewusst ist. Als bestes Beispiel dient alleine schon der Roman „Der Trafikant“, welches deutlich macht, welch wichtigen Wert unsere Demokratie mit all ihren Rechten hat.
Geschrieben von: Jessica Pöpperl und Elisa Weiß
